Absonderung, Abhängigkeit, Leiden


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Daniel 1. 2, 13—23. 3, 12—30.

Ohne die Tatsachen, welche uns diese Teile der Schrift mittheilen, näher besprechen zu wollen, möchte ich mit Bezugnahme aus dieselben einige Grundsätze hervorheben, welche mit der Geschichte dieses Überrestes des Volkes Gottes in jenen Tagen engverbunden sind; Grundsätze, welche bis zu uns hindurchgedrungen als solche, durch welche Gott auch in diesen letzten Tagen die Seinigen kennzeichnen möchte. Die neue und gesegnete Stellung, in welche wir Christen in Verbindung mit dem zur Rechten Gottes verherrlichten Christus gebracht worden sind, verleiht diesen Grundsätzen nur um so größere Schärfe und Tragweite.

Es scheint mir, dass diese Erzählung aus dem Buche Daniel uns auf eine treffliche, einfach verständliche Weise die praktische Stellung, die Vorrechte und die Kraft beleuchtet, welche durch die Gnade auch unser sind, auf dass wir in diesen Tagen für Christus dastehen können.

Es ist nicht schwer zu sehen, dass zwischen der Zeit Daniels und der unsrigen eine große Ähnlichkeit besteht. Wir finden in Jes. 39 die Tatsachen, denen wir am Anfang dieses Buches begegnen, vorausgesagt, dass nämlich Tage kommen würden, wo das Volk Israel von einer fremden Macht zertreten und die edelsten Sprösslinge des Volkes, die eigentliche Blüthe der Nation, im Palast des Königs von Babylon dienen würden. Dies war die Weissagung des Propheten Jesajas, Gottes warnende Stimme lange zuvor. Im ersten Kapitel dieses Buches finden wir alles, Wort für Wort, erfüllt. Das Volk Israel war vollständig gelähmt, als Nation auseinandergerissen. Jehova hatte aufgehört, in direkten Beziehungen zur Regierung der Erde zu stehen, und Alles lag zu den Füßen des Königs von Babel.

Dem Grundsatz nach finden wir in unseren Tagen gerade dasselbe. Das, was Gott zum Zeugnis für sich selbst hier auf der Erde, wo Sein Sohn verworfen wurde, geschaffen hatte, wurde in den Händen des Menschen verderbt. Was ist aus dem geworden, was Gott hier auf der Erde aufrichtete, damit es für Ihn bestehe? Es hat vollständig Schiffbruch gelitten. Ich meine damit natürlich nicht das, was wirklich Christus angehört, wirklich Gott angehört, und welches niemand antasten kann, das was echt und wahr ist; nein, ich beziehe mich auf das, was der Verantwortlichkeit des Menschen anvertraut wurde. Wenn uns der Unterschied zwischen dem, was der Heilige Geist baut und schafft, zwischen dem Echten und Wahren, und dem, was dem Menschen, als einem Baumeister, übergeben worden, noch nicht recht zum Bewusstsein gekommen ist, so haben wir noch sehr Vieles zu lernen. Gott baut, aber Er hat das Bauen auch dem Menschen anvertraut, und um uns herum erblicken wir dies letztere, welches er, wie alles, das seiner Verantwortlichkeit übergeben worden, gänzlich verderbt hat.

Dies ist für manche Seele heutzutage eine große Schwierigkeit. Es gibt solche, welche verständig forschen, ernstlich fragen, und die durch die Verwirrung, welche sie um sich her erblicken, in große Verlegenheit geraten. Und ich fürchte, dass wir ihnen oft gar nicht behilflich sind. Denn vergessen wir nicht sehr leicht unseren Antheil an dem Verfall dessen, was dem Menschen zu bauen überlassen war? Geben wir ihnen nicht manchmal die Idee, unser Trachten gehe dahin, äußerlich wieder etwas aufzubauen, eine Versammlung zu stiften? Wenn aber das unser Gedanke ist, so werden wir gewiss in der Aufrechthaltung der Wahrheit Gottes immer schwach sein. Es ist sehr wichtig, klar und deutlich zu verstehen, was die Dinge in der Hand der Menschen geworden und was die göttlichen Grundsätze sind, nach welchen sich die Kinder Gottes in Tagen wie die unsrigen richten sollen, und ich wünsche hier diese Grundsätze, soweit ich es vermag, kurz und einfach darzulegen.

Das erste, was einen Überrest, der in Zeiten herrschender Verwirrung und des Verfalls für Gott dastehen möchte, kennzeichnen sollte, ist gerade das, was wir in dem Charakter dieser „Knaben" in Dan. 1 finden nämlich Entschiedenheit für Gott, ein Getrenntsein von Allem, das nicht nach Seinem Sinn ist. Betrachten wir diese Wenigen, Schwachen; nur drei oder vier ohnmächtige, wehrlose Jünglinge sind es, aber der Charakter des Nasirs tritt deutlich an ihnen hervor, und der Grundsatz der Absonderung für Gott ist in ihnen wirksam. Nichts kann sie veranlassen, dieser abgesonderten Stellung zugegen zu handeln.

Wie schwach und selten, geliebte Freunde, ist solch ein Sinn unter uns geworden. Wie wenig bewahren wir den Charakter des Nasirs, wie wenig halten wir uns abgesondert für Gott. Haben wir das, was die Welt uns anbietet, zurückgewiesen? Ein jeder von uns kann dies auf seinen besonderen Fall anwenden. Haben wir uns geweigert, uns zu „verunreinigen", geweigert, und dies auf unseren eignen Schaden und Verlust hin, an Gott und der Wahrheit, wie Er sie uns geoffenbart hat, Untreue zu beweisen, und den Namen des Herrn Jesu zu verunehren? Dies ist die große Frage, glaube ich, welche Gott in diesen Tagen an unsere Herzen richtet, die Frage unsrer Absonderung für Ihn. Vergessen wir auch nicht, dass nur ein innerliches Getrenntsein auch äußere Absonderung und Heiligkeit in Wandel und Zeugnis hervorbringt. Bin ich innerlich abgesondert? ist die erste Frage, die ein jeder von uns an sich selbst richten sollte. Und von ihrer Beantwortung hängt auch der Gesamtzustand der Versammlung ab, welcher nicht gebessert werden kann, wenn nicht der Zustand des Einzelnen zuerst ein richtiger ist

Haben wir, die wir Glieder am Leibe Christi sind, die wir durch Glauben an das Blut, welches von aller Sünde reinigt, Christus angehören, haben wir, frage ich, ein Bewusstsein davon, wie ganz und gar wir durch dieses Blut für Gott abgesondert find, als solche, welche „auserwählt sind nach Vorkenntnis Gottes des Vaters, durch Heiligung des Geistes, zum Gehorsam und zur Blutbesprengung Jesu Christi" (1 Pet. 1, 2)? Haben wir ein Bewusstsein davon, was es bedeutet, nicht nur errettet, sondern ein Glied Christi zu sein? „Ich fürchte mich nicht zu sterben", hört man oft sagen, „ich erwarte in den Himmel zu kommen." Aber wie viel mehr als dies bedeutet es, ein Christ zu sein! Wenn du ein Christ bist, so bist du ein Glied Christi, vereinigt mit dem verherrlichten Menschen zur Rechten Gottes, durch den vom Himmel herniedergesandten Heiligen Geist. Ist es nicht wunderbar, daran zu denken? Dies sondert mich ab, sobald meine Seele wirklich davon erfasst ist. Bedenken wir es doch, geliebte Freunde, dass wir mit Christus in der Herrlichkeit vereinigt sind, und das Maß Seiner Absonderung auch dasjenige derer ist, die mit Ihm einsgemacht sind. (Vergl. Joh. 17, 19.) Dies ist unwidersprechlich. Ich bin ein Teil von Christus, ein Teil von dem, welches der Heilige Geist bezeichnet als „die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt" (Eph. 1,23). Ganz natürlich wird mir dadurch die Stellung angewiesen, welche mir geziemt. Ich brauche nicht mehr lange zu fragen: Darf ich dieses, oder darf ich jenes tun? Nein, die besondere, abgesonderte Stellung, die ich in dieser Welt einzunehmen habe, wird mir sofort klar, so klar, dass kein Zweifel darüber möglich ist.

Wir alle wissen wohl, wie abgesondert Christus während Seines Lebens hier war. Betrachten wir Seinen Pfad, diesen wunderbaren, einsamen, abgesonderten Pfad als Mensch in dieser Welt der Sünde und des Elends. Verfolgen wir ihn von der Krippe, wohinein Er bei Seiner Geburt gelegt wurde, weil „kein Raum in der Herberge" für Ihn war, bis zum Kreuze. Betrachten wir die Entschiedenheit und Heiligkeit, die Göttlichkeit dieses Pfades! Beachten wir aber auch, dass Er sagt: „Gleichwie Du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt" (Joh. 17, 18). Wie wenig haben wir ein wirkliches Bewusstsein dieser Dinge. Ich fühle es für mich selbst, und muss mir oft den Gedanken vergegenwärtigen: Nicht nur bin ich mit dem Herrn Jesus Christus im Himmel vereinigt, sondern ich habe einen bestimmten Auftrag auf dieser Erde empfangen, wie Er es hatte! Wie wunderbar ist dies! Aber wie schwach und unentschieden sind wir in der praktischen Verwirklichung dieser Berufung. Wie war es mit Daniel? Er wollte sich „nicht verunreinigen mit der feinen Speise des Königs", er ließ sie unberührt. Man könnte denken: „Aber die Vorsehung Gottes ordnete es doch so, dass Daniel sich gerade in diesen Umständen befand; hätte er sich nicht denselben anpassen sollen?" gerade wie man in Bezug auf Moses denken könnte: „Durch die Vorsehung Gottes wuchs Moses als der Sohn von Pharaos Tochter auf. Es könnte kein bestimmteres Beispiel der Fürsorge Gottes in den Umständen geben." Ich verneine dies auch keinen Augenblick, sondern spreche nur von etwas, welches gar nichts mit der Vorsehung Gottes zu tun hat, nämlich von dem Grundsatz des Glaubens, nach welchem wir unsrerseits handeln sollen. Von diesem göttlichen Grundsatz des Glaubens ließ sich Moses leiten, als er zu Jahren kam. Er weigerte sich, „als er groß geworden, ein Sohn der Tochter Pharaos zu heißen, lieber wählend mit dem Volke Gottes Ungemach zu leiden" (Heb. 11, 25). Und dieser gleiche Grundsatz offenbart sich hier in der Geschichte von Daniel und Sedrach, Mesach und Abednego. Der König veränderte selbst ihre Namen, um wenn möglich ihre Herzen aller Erinnerung an das Land Israel und den Gott Israels zu entfremden. Alles Mögliche wurde getan, um jede Spur ihrer Verbindung mit dem Volke Gottes zu verwischen. Aber sie bewahrten ihre Absonderung für Gott. Sie wollten sich „nicht verunreinigen mit der feinen Speise des Königs und mit dem Weine seines Trankes", und erbaten sich's vom Obersten der Kämmerer, dass sie sich nicht verunreinigen müssten.

Ich unterlasse es, hier aus die Einzelheiten der Anwendung dieses großen Grundsatzes auf uns einzutreten. Ich überlasse dies jedem Einzelnen; wir können es auch viel besser tun, als wir es uns oft gestehen möchten. Man sagt so gern; „Nun, welche Anwendung hat denn dies auf mich?" u. s. w., während man die ganze Zeit fühlt, dass es einen näher angeht als man gerne hat, während das Gewissen sich die ganze Zeit unter der Anwendung der Wahrheit windet. Was ich tun möchte, ist einfach das, denselben als einen Grundsatz darzustellen, dem ein jeder von uns seinen individuellen Wandel vor Gott unterwerfen, der aber ebensowohl auch der Maßstab unseres Wandels als Versammlung sein sollte. Haben wir unsere Stellung der Absonderung für Gott eingenommen und bewahrt? Haben wir uns geweigert, uns zu „verunreinigen"? Dies ist das Erste.

Beachten wir, was nach diesem kommt. Es ist sehr geeignet, unseren Herzen zum Trost und zur Ermunterung zu dienen. Der Bewahrung ihrer Absonderung folgte die Anerkennung von Seiten Gottes, indem Er diesen Jünglingen Weisheit und Verstand und Erkenntnis gab. Auf diese Weise gibt Gott Seine Anerkennung auch jetzt kund. Es ist auch eine unwidersprechliche Tatsache, dass das, was im Anfang die wenigen Schwachen (ich möchte keine andere Bezeichnung für sie gebrauchen) charakterisierte, welche durch die Gnade Gottes aus der uns in der Christenheit umgebenden Verwirrung dahin geführt wurden, die Allgenügsamkeit des Namens des Herrn Jesu zu erkennen, und die Heiligkeit dieses Namens aufrechtzuhalten, Einsicht und Erkenntnis des Wortes Gottes war, mit einem Worte göttliches Verständnis. Wenn wir aber praktischerweise den Platz der Absonderung verlassen, so wird uns auch die besondere Anerkennung fehlen, welche Gott für denselben hat, nämlich das Eingeweihtsein in Seine Gedanken, das Verständnis Seines Sinnes. Die Gefahr liegt dann nahe, dies durch umso größere Tätigkeit, so gut und nötig diese auch an sich ist, ersetzen und zugleich das Gewissen damit beruhigen zu wollen. Beständig wiederkehrende Beschäftigung selbst christlicher Art kann leicht zu einem Hindernis für den stillen Verkehr der Seele mit Gott werden. Man hat nicht Zeit, zu denken, nicht Zeit, sich selbst zu beurteilen, wenig Zeit zur Betrachtung und zum Gebet. Ist es nicht betrübend, wie wenig wir überhaupt beten, wie wenig wir das Wort Gottes lesen und darüber nachdenken? Warum ist es so, geliebte Freunde, warum ist so wenig wirkliches Warten auf Gott vorhanden, warum so wenig Abhängigkeit von Ihm, warum findet man so wenige, welche das Bedürfnis haben, mit anderen sich im Gebet zu vereinigen? Lasst mich die praktische Frage an euch richten: Wie viel habt ihr heute für die Versammlung Gottes gebetet, wie viel für die Heiligen, wie viel betet ihr überhaupt jeden Tag? Beschwert euch je irgendeine Sache darum, weil sie der Ehre Christi und Seinen Interessen nahe tritt? Wie viel suchen wir, in der Stille mit Gott allein zu sein, nichts zwischen uns und Ihm zu haben, die Welt aus- und uns mit Ihm einzuschließen, weil wir Gemeinschaft mit Ihm haben in dem, was Ihm auf Erden so teuer ist? Würden wir entschiedener, völliger auf Gottes Seite stehen, so würde alles dieses sich mehr bei uns finden. Aber wie oft ist es der Fall, dass Gläubige sich damit zufriedengeben, äußerlich abgesondert zu sein. Es frägt sich aber: Ist dein Herz nicht in der Welt, ist dein Geist so getrennt von ihr, wie deine Person? Glaubt ihr, das, was Gott begehre, sei bloß eine Anzahl vor Ihm versammelter Personen, die mit ihren Herzen anderswo sind, als ob es sich mir handelte um das, was äußerlich und sichtbar ist? O Geliebte, was Er wünscht, ist die Zuneigung eines Herzens, den Ernst einer Seele, welche Seinen Sohn im Himmel gesunden hat! „Gib mir, mein Sohn, dein Herz!" sagt Er.

Hier, in diesem Mangel an Absonderung, an Hingabe, liegt unsere Schwäche. Innerliche Absonderung wird zu äußerlicher führen, während äußerliche Absonderung nie die innerliche hervorbringt. Wenn unser Herz, unsere Zuneigungen, unser Verstand, unser innerer Mensch für Gott abgesondert sind, so wird auch unser Leib, als das Gefäß, bald dem ihn beherrschenden Geiste folgen.

Sehen wir im zweiten Kapitel, wie sich bei Daniel, Sadrach, Mesach und Abednego die Abhängigkeit von Gott zeigt. Gebet war das erste, das Daniel und seine Freunde taten, als das Gebot ausging, die Weisen Babylons/ zu töten, weil sie dem Könige den Traum, den er vergessen hatte, nicht kund tun konnten? Sie brachten die Sache vor Gott, geliebte Freunde. Was wäre das erste gewesen, das wir getan hätten? Ja, in unseren täglichen Umständen und Schwierigkeiten, was ist das erste, das wir tun? Gehen wir zu Gott damit, oder ist unser erster Gedanke bei einer aufsteigenden Verlegenheit der, wer wohl am meisten Weisheit hätte, uns darin zu raten? Zeigt sich nicht selbst in der Versammlung dieses Ausschauen nach Menschenhilfe? Wie langsam ist man, bei vorkommenden Schwierigkeiten die Kniee zu beugen, um sich vor Gott zu demütigen, dass überhaupt eine Schwierigkeit vorhanden ist, und um Hilfe von Ihm zu erflehen. In welch geringem Maße sind alle davon beschwert, wie oft bloß erfüllt von dem Gedanken: Ach, wenn wir nur einen recht fähigen, geschickten Bruder bei der Hand hätten, jemand, der Autorität und Erfahrung besitzt, auf dass er diese Angelegenheit ins Reine bringen könnte! Müssen wir nicht alle zugeben, dass dies so ist?

Nicht so war es bei Daniel. Sobald die Schwierigkeit ihm entgegentrat und sein Leben in Gefahr war, erbat er vom Könige, dass er ihm eine bestimmte Zeit geben möge. Und wozu? „Dass sie von dem Gott des Himmels Barmherzigkeit erbitten möchten wegen dieses Geheimnisses". Zu Ihm wandten sie sich in Bezug darauf, weil sie in Abhängigkeit von Ihm wandelten. Ist nicht dagegen unser Verhalten oft viel zu sehr demjenigen Jakobs ähnlich, welcher geschickt zuerst alle seine Vorkehrungen traf und dann ging und betete? Mit der Umsicht eines erfahrenen Taktikers richtete er zuerst alles ein, stellte seine Person so sicher wie nur möglich und wandte sich dann zu Gott, gerade wie wir so geneigt sind zu tun. Welch einen Gegensatz dazu bildet das, was wir in dieser einfachen Erzählung finden. Diese Männer gehen hin und erflehen in völliger Abhängigkeit Erbarmen von Gott, als solche die da wissen, was es heißt, auf Jehova geworfen zu sein, der ihre Zuflucht, ihre Hilfe, ihre einzige aber zu gleicher Zeit allgenugsame Stütze war.

Wie oft, geliebte Freunde, denken wir es und sagen es auch zueinander: „Wir haben niemand als Gott, an den wir uns wenden können, wir haben niemand als den Herrn", gerade als ob Er nicht genug wäre. Wie genau zeigt dies, wo es bei uns fehlt! „Wir haben niemand als den Herrn!" Glaubt ihr denn, dass wir deswegen schlechter fahren? Sind wir nicht im Gegenteil nur umso besser dran, weil wir niemand haben als Gott? Genügt Er nicht für alles? Könnte Christus diejenigen, welche Ihm so teuer sind, vergessen, könnte das Haupt im Himmel gleichgültig sein bezüglich dessen, was die Glieder auf Erden angeht, oder können wir annehmen, dass das Ohr Gottes dem Rufen Seiner Kinder nicht geöffnet sei?

Aber ach, so schwach und arm ist unser Glaubensleben, dass man aus unserm Benehmen kaum schließen könnte, dass droben ein Ohr für uns geöffnet sei, welches nur auf unsre Gebete wartet. Man würde kaum glauben, dass wir einen mächtigen, Wunder wirkenden Gott haben, welcher sich zu dem Seufzen eines armen Herzens herablässt, welches Ihm nichts als seine Bedürfnisse bringen kann. Wir sehen in unsrer Geschichte die herrlichen Resultate des Wartens auf Gott: Die Bitte Daniels wird gewährt, die dunkle Sache ihm sofort kundgetan und der Weg aus der Schwierigkeit gezeigt. Es ist unmöglich dass jemand, der wahrhaftig und aufrichtig, mit wirklichem Ernst auf Gott wartet, Seine Anerkennung und Hilfe nicht erfahren wird. Und dieser Ernst wird immer im Verhältnis stehen zu unserm Glauben an die Liebe Gottes, die sich um uns bekümmert und interessiert.

Der Herr schenke uns mehr Abhängigkeit von Ihm und den Geist des Gebets. Möge dies uns doch mehr kennzeichnen, anstatt dass wir in unseren Schwierigkeiten und Verlegenheiten hin und her laufen, und Hülse von jeder anderen als von Gottes Seite her erwarten. Unser Auge ist so wenig auf Gott gerichtet, sondern wir möchten uns auf irgendeinen Arm von Fleisch stützen, und das Endresultat davon ist, dass wir, wie Abraham, nach Ägypten hinabziehen.

Das dritte Kennzeichen endlich, welches wir bei dem Überrest in Babylon finden, ist Leiden, ein Kennzeichen, welches auch heutzutage bei uns nicht fehlen sollte. Die Treue dieser Männer gegen Gott wird hier durch den König auf die Probe gestellt; es muss sich entscheiden, ob sie in Wahrheit die Knechte des lebendigen Gottes bleiben, oder sich vor dem Bild, das Nebukadnezar aufgestellt, bücken wollen. Welch ein schönes Seitenstück bildet diese Erzählung zu der Stelle in Phil. 1, wo der Apostel von seiner „sehnlichen Erwartung und Hoffnung" spricht, dass Christus hocherhoben werde an seinem Leibe, sei es durch Leben, sei es durch Tod. Der Leib des Menschen, das Feld, auf welchem einst Satan seine Macht entfaltete und seinen Hass und seine Bosheit gegen Gott und Christus kundgab, er ist durch die wunderbare Gnade Gottes zu einem Gefäß geworden, durch welches die Macht Christi entfaltet wird. Der Apostel hatte völlige Gemeinschaft mit dem Gedanken Gottes, und die Bedeutung der Worte: „meine sehnliche Erwartung und Hoffnung" ist sozusagen die: Ich habe Gemeinschaft mit Gott in dem, was Er mit mir tut. Und hier in Daniel finden wir wieder solche, welche nach dem Maße ihres Lichts von dem gleichen Gedanken beseelt sind, und, nach des Königs eigenen Worten, „ihre Leiber hingegeben haben, um keinem Gott zu dienen denn ihrem Gott" (Kap. 3, 23).

Wir sehen diese Männer mit gebundenen Händen und Füßen, ein wahres Bild der Schwachheit, in den Feuerofen geworfen werden, der bei dieser Gelegenheit siebenmal heißer als sonst gemacht worden war. Alle Macht des Bösen ward zu ihrer Zerstörung in Bewegung gesetzt. Wurde Gott nicht hocherhoben an den Leibern dieser Männer? Sie verließen den Feuerofen unversehrt, selbst kein Geruch des Feuers ist an ihren Kleidern, kein Haar ihres Hauptes versengt. Und mehr als dies: „Siehe ich sehe vier Männer frei wandeln inmitten des Feuers", sagt der König, „und das Ansehen des Merten ist gleich einem Sohne der Götter". Gott ließ sie nicht ohne glückliche, gesegnete Gemeinschaft in dieser Feuerprobe, welche sie für Ihn bestanden, und zwar ohne ein Wort der Klage. Sie waren nicht besorgt, nicht verwirrt noch verlegen, sondern Übergaben sich gänzlich in Gottes Hände in Sanftmut und Geduld. „Wir haben nicht nötig", sagen sie zum Könige, „dir darauf zu antworten." Gott, für den sie bereit sind, alles zu leiden, ist ihre Zuversicht und Stärke; und Er tritt auch für sie ins Mittel und würdigt sie der Erfahrung und Schaustellung Seiner Macht, durch welche Er sich verherrlichen, kann auch an deinem und meinem Leibe.

Ach, wie wenig sehen wir doch Christus verherrlicht an uns! Die Welt und das eigene Ich und das Fleisch, alles dies sieht man eher erhoben an unseren Leibern als Ihn. Es ist völlig demütigend, daran zu denken. Was trägt, wenn wir um uns her blicken, die äußere Erscheinung der Gläubigen zur Schau? Ach, gewöhnlich wenig von der Macht Christi, und dagegen viel von der Macht der Welt und des Fleisches. „Dass Christus hocherhoben werde an meinem Leibe, sei es durch Leben, sei es durch Tod", war des Paulus „sehnliche Erwartung und Hoffnung". O möge es auch die unsrige sein!

Absonderung für Gott um jeden Preis, Abhängigkeit von Ihm in Schwierigkeiten, Ausharren im Leiden für Seinen Namen, sind also die Grundsätze, welche uns bei der Betrachtung dieser Kapitel entgegentreten; sie sollten auch die charakteristischen Kennzeichen der Kinder Gottes unserer Tage sein. O welch einen Einfluss würde diese Treue der Einzelnen auf den Zustand der Versammlung haben, welch frisches Leben, welche Kraft ihr mittheilen.

Ich möchte noch ein paar Worte über einen anderen Überrest sagen, den wir im Alten Testament finden. Wir lesen in Maleachi 3, 16: „Da redeten, die Jehova fürchten, einer zu dem anderen: Jehova merket darauf und höret, und es ist ein Gedenkbuch vor Ihm geschrieben für die so Ihn fürchten und an Seinen Namen gedenken". Die Furcht Gottes und Gemeinschaft untereinander war das Merkmal der Gläubigen in der letzten Zeit der alttestamentlichen Geschichte. Kennzeichnet dasselbe auch uns? Es ist gut, einen richtigen Begriff von dem wahren Zustand der Dinge zu haben und mir scheint, dass jemand, der mit demselben zufrieden sein kann, sehr weit von Gott entfernt sein muss. Jemand, der sagen kann: O nun, ich glaube doch nicht, dass es so betrübend um uns steht. Wir sind doch nicht so gar schlecht, man muss die Sachen nicht auf so extreme Weise anschauen und so streng urteilen — ich sage, wer so sprechen kann, versteht wenig davon, was dem Zeugnis für den Herrn geziemt. Je näher bei Gott wir praktischerweise sind, je enger mit Ihm verbunden wir wandeln, je mehr Seine Gedanken unser Wesen, unsre Zuneigungen beherrschen, desto mehr werden wir fühlen, wie viel uns fehlt, wie angesteckt wir sogar sind von der Selbstgenügsamkeit Laodizeas, welche von sich sagte: „Ich bin reich und bin reich geworden und bedarf nichts", während sie vor allen anderen (dies ist die Kraft des hier gebrauchten Ausdrucks) elend und jämmerlich und arm und blind und bloß war.

Betrachten wir dagegen noch einmal den Überrest in den Tagen Maleachis: „Da redeten, die Jehova fürchten, einer zu dem anderen". Geschieht dies jetzt unter uns? Fürchten wir den Herrn und reden wir oft von Ihm zueinander? Welch ein Gedanke, dass Gott dieses beachtet, und dass „ein Gedenkbuch vor Ihm geschrieben ist für die, so Jehova fürchten und an Seinen Namen gedenken". Er findet es der Mühe wert, sich für jeden noch so schwachen Ausdruck der Furcht vor Ihm und der Gemeinschaft miteinander zu interessieren.

Den nämlichen Charakter finden wir bei den wenigen Gläubigen, welche bei der Geburt des Herrn Jesu lebten. Wenden wir uns zu dem Anfang des Evangeliums Lukas, wo wir, dem Grundsatz nach, den gleichen Überrest finden, wie am Schlusse des Alten Testamentes. Nichts Großartiges kennzeichnet sie, wir sehen sie keine wunderbaren Taten verrichten, sondern wir lesen nur, dass Simeon „auf den Trost Israels wartete", und dass ihm, auf dem der Heilige Geist war, ein göttlicher Ausspruch geworden war: „er solle den Tod nicht sehen, ehe er den Christ des Herrn gesehen habe". Und als er im Tempel das Kind Jesu sah, und den Gesegneten auf seine Arme nahm, — das Heil Gottes in der Person Jesu — sprach er: Mein Becher ist voll, jetzt kann ich sterben! „Herr, nun lässest Du Deinen Diener in Frieden fahren nach Deinem Worte; denn meine Augen haben Dein Heil gesehen".

So war es auch mit Hanna. Sie wich nicht vom Tempel, und der Gegenstand der sie erfüllte war Er. Sie „redete von Ihm zu allen, die auf Erlösung warteten in Jerusalem". Gleichwie, ein paar Jahrhunderte vorher, diejenigen, die den Herrn fürchteten, oft zueinander gesprochen hatten, so war Er auch ihr Gesprächsgegenstand im Verkehr mit denen, welche von gleicher Hoffnung und Erwartung mit ihr waren.

Ist es nicht nützlich für uns, geliebte Freunde, solche Charakterzüge des Volkes Gottes zu beachten, und dies um so mehr, als wir sie in Zeiten allgemeinen Abweichens von Gott, allgemeiner Schwäche finden, und wir gerade auch in solchen leben. Möchten wir in diesen Tagen der Verwirrung die Stellung recht erkennen, welche uns in dieser Welt angewiesen ist, denn dies ist es, welches unseren ganzen Wandel reguliert und richtig leitet. Dieselbe ist uns durch Christus bestimmt, und wo ist Er? Er ist zur Rechten Gottes im Himmel, und diese Tatsache macht uns zu einem himmlischen Volke. Was die Welt betrifft, so ist Er daraus verworfen worden, und dies wiederum trennt uns einfach und entschieden von ihr. Die Erhöhung Christi in die Herrlichkeit gibt mir, wenn ich eins mit Ihm bin, einen himmlischen Charakter, und Seine Verwerfung durch diese Welt weist mir einen von ihr getrennten Platz an, wenn ich anders die geringste Liebe und Hingabe für Ihn habe.

Möge der Herr durch Seinen Geist unsre Herzen beleben, und aufs Neue auf Ihn Selbst richten, und uns wachsam machen gegen die Listen Satans, dessen Trachten stets dahin geht, sie von unserm Herrn weg auf etwas anderes zu richten, auf etwas, das vielleicht aussieht, als ob es von Gott und für Gott wäre, das ihm aber nur hilft, seinen Zweck bei uns zu erreichen.

Der Herr helfe uns, ein für Ihn abgesondertes, heiliges Volk zu sein. Mögen wir auch aufhören, uns auf Menschen zu stützen und lernen, alle unsre Hilfsquellen in Ihm zu haben, der für die Seinigen sorgt, ja der Selber unter ihnen ist, auf dass wir entschiedener für Ihn dastehen in diesen Zeiten, zu Lob und Preis Seines Namens!


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