Der Blick des Herrn



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Luk 22

In diesem ernsten und rührenden Theil der Geschichte Petrus haben wir die Art und Weise, in welcher der Herr auf sein Herz und Gewissen wirkte, denn in jedem Fall wahrer Wiederherstellung ist Er in diesen beiden Beziehungen tätig. Es ist so gesegnet, Seine vollkommenen Wege der Gnade mit den Seinigen recht sorgfältig zu beobachten. Die Wurzel des Falles Petrus war Selbstvertrauen, aber von welcher Art war dieses? Ich glaube nicht, dass es jene im Allgemeinen hohe Meinung von sich selber war, welche man leider so oft unter den Gläubigen und selbst unter Dienern des Herrn findet. Sein Selbstvertrauen war von einer anderen und noch listigeren Art. Der teure Herr hatte wirklich die Zuneigungen Petrus gewonnen, so dass dieser in der Tat und Wahrheit, wenn auch vielleicht noch auf eine natürliche Weise, seinen Meister liebte. Darin liegt auch die ernsteste Seite seines Falls: er verleugnete Denjenigen, an welchem sein Herz am meisten hing. Welch ein Bild des Menschen ist dies, ja soll ich nicht sagen: welch ein Bild von uns allen? Die Wurzel denn der Verleugnung Christi durch Petrus war das Vertrauen, welches dieser in seine Liebe für den Herrn hatte. Dies wird uns klar aus dem Benehmen des Herrn in Joh. 21, als er Petrus gänzlich wiederherstellte. „Simon Bar Jona, liebst Du mich mehr denn diese?" berührte das innerste Wesen seiner Sünde. Der Herr hatte den Jüngern vor der Stunde der Prüfung gesagt, dass die Sichtungszeit kommen werde, ja hatte ihnen sogar kundgetan, dass Satan sie alle in seine Hände zu bekommen begehre, aber dass Petrus der besondere Gegenstand der Fürbitte Jesu gewesen sei. „Ich habe für dich gebetet, auf dass dein Glaube nicht aufhöre." (Luk. 22, 31. 32.) Petrus, durch solche Worte durchaus nicht aufmerksam und misstrauisch gegen sich selbst gemacht, offenbart die Torheit seines Herzens in der Antwort: „Herr, mit dir bin ich bereit, selbst in Gefängnis und Tod zu gehen"; worauf der Herr ihm sagt, was wirklich geschehen werde. Aber alles war bei Petrus vergeblich; er liebte seinen Herrn aufrichtig und von Herzen; er vertraute völlig auf diese Liebe; andere möchten Ihn verleugnen oder verlassen, er würde es nie tun, nein eher würde er mit Ihm sterben, als Ihn verleugnen. Wie seltsam es auch scheint, so lag doch gerade hierin die Macht Satans über den armen Jünger; die Macht des Feindes lag in der Tatsache, dass der Diener seinen Meister liebte und darauf baute. Dies war Petrus Zuversicht, sein Schutz und Halt, als ihm die Stunde der Versuchung angekündigt wurde. Seine so wahre und hingebende Liebe würde, so glaubte er, den heftigsten Anlauf des Feindes im heißesten Kampfe aushalten können.

Petrus war aber nicht nur voll Vertrauen auf feind Liebe zum Herrn, sondern er war auch ungestüm, und Satan wirkte auch durch dieses. In beidem fand er Anlass und Gelegenheit für seinen Angriff. Es mag auch von Nutzen für uns sein, die Schritte zu beachten, welche Petrus zum Falle führten. Wir werden sehen, wie verblendet er war durch die Zuversicht auf seine Liebe für Christus, denn jede Stufe abwärts hätte ihm die Augen öffnen können, hätte er ein Ohr für die warnende Stimme gehabt.

Der erste Schritt ist in Luk. 22, 45 ausgezeichnet, vergl. damit Mark. 14, 37: „Simon, schläfst du?" O welche Worte von den Lippen Jesu, inmitten Seiner Todesangst und Seines blutigen Schweißes! Wie viel enthalten sie, aber ach, sie waren vergeblich gesprochen.

Den nächsten finden wir in V. 54: „Petrus aber folgte von ferne". Nachdem er während des Ringens seines Meisters geschlafen, floh er, Ihn verlassend, mit den anderen Jüngern, und wir finden ihn nun „von ferne" nachfolgend. Ist das nun die Stärke seiner gerühmten Liebe, welche Ihm in Gefängnis und Tod zu folgen versprach? Wie deckt uns nicht das Wort Gottes uns selber auf!

Dann lesen wir, wie Petrus niedersaß am Feuer unter den Feinden Jesu. „Als sie aber mitten im Hofe ein Feuer angezündet und sich zusammengesetzt hatten, setzte sich Petrus in ihre Mitte." Ach Petrus ist „ferne" von seines Meisters Seite, sich wärmend „in der Mitte" derer, welche Ihn hassten und verwarfen. Ist dies nicht leider bei vielen Seiner Heiligen heutzutage der Fall?

In Verbindung damit möchte ich noch einen anderen Gedanken ernstlich auf die Herzen und Gewissen aller legen, welche diese Zeilen lesen, nämlich wie schnell doch eine solche Stellung uns mit dem vertraut macht, was von der Welt ist. Die Gedanken, die Gewohnheiten, die Sprache dieses Zeitlaufs werden uns bald natürlich und geläufig, wir fühlen uns nicht fremd, nicht außer unserm wahren Element, sondern gewöhnen uns bald an diese Luft. Einmal aber in dieser falschen Stellung und unser Auge von Christus abgewandt, kann uns eine unbedeutende Sache zu einer völligen Verleugnung Seiner führen. Bei Petrus war es der bloße Hohn einer Magd, die Aussage eines Mannes und deren Bekräftigung durch einen anderen, was ihn zu der vollständigen, wiederholten Verleugnung führte: „Mensch, ich weiß nicht, was du sagst!" Dann geschah das von dem Herrn vorhergesagte Zeichen: „Und alsbald, während er noch redete, krähte der Hahn". Dies endlich weckte sein Gewissen auf, indem es „das Wort des Herrn" in seine Erinnerung brachte. Das Vertrauen auf seine Liebe zu Jesu hatte ihn so verblendet, dass er Seine Worte, die ihn vor dem kommenden Sturm warnten, nicht nur unbeachtet ließ, sondern ihnen sogar gegensprach. Aber wie wohl wusste doch die allvermögende Liebe Christi dieselben aufs Neue dem Gewissen nahe zu legen. O wie oft ist es so mit uns, dass wir die Warnungen des Herrn vergessen, bis Er selbst sie vielleicht durch ein einfaches Mittel wie hier, wieder an unsre Gewissen schlagen lässt. Wir haben aber hier noch einen anderen Ausdruck Seiner tiefen, zarten Sorge um Sein armes Kind — den Blick des Herrn. „Und der Herr wandte sich um und blickte Petrus an." Wie überwältigend ist diese wunderbare, unveränderliche Liebe, welche uns nie aufgibt! Nach all Seiner kaum durchgemachten Todesangst, als der Gegenstand von Judas herzlosem Verrat in den rohen Händen Seiner Feinde, kann der Herr dennoch Seines irrenden Jüngers gedenken. Welch ein Trost liegt hier auch für uns! Dieser Blick Jesu hatte eine doppelte Wirkung: er brach das Herz Petrus, aber er führte ihn zu Seinem Herrn zurück, obwohl mit bitteren Tränen. „Und Petrus ging von da hinaus und weinte bitterlich." Die Gnade und Zärtlichkeit dieses Blickes öffnete die Quellen seines Herzens. Das zur Erinnerung gebrachte Wort weckte sein Gewissen auf, aber der Blick des Herrn wirkte auf sein Herz. Trost sowohl als Schmerz lagen darin, denn Petrus lebte von diesem Blick, bis er seinen Herrn in Auferstehung wieder sah. Dieses Angesicht, das so verderbt war, wie keines Menschen Angesicht und dieser Blick waren in seine Erinnerung gegraben und bewahrten ihn, bis zu jenem herrlichen, gesegneten Morgen, als Jesus triumphierend auferstand, und ihm am ersten von den Zwölfen und allein erschien. (Luk. 24, 34; 1. Kor. 15, 5.) Solches sind die wunderbaren Wege Seiner Gnade und unveränderlichen Güte gegen uns. Möge das Vertrauen zu Ihn: in unseren Herzen sich vertiefen, während wir alle Meinung von unsrer sogenannten Liebe fahren lassen, um in Seiner Liebe zu ruhen, der die Seinigen nie vergisst, noch ihrer müde ist.


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