CHM- Warum bist du nicht glücklich?


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andere Schriften von C.H. Mackintosh

Der Gedanke Gottes bei der Schöpfung war, dass der Mensch glücklich sein sollte. Nicht nur war er rein und unschuldig, sondern er war geschaffen in dem Bilde Gottes. Im Verein mit der ganzen übrigen Schöpfung wurde er für „sehr gut" erklärt. Jedoch wurde er von allen anderen Kreaturen in einer höchst beachtenswerten Weise ausgezeichnet. „Und Jehova Gott bildete den Menschen, Staub von dem Erdboden, und hauchte in seine Nase den Odem des Lebens: und der Mensch wurde' eine lebendige Seele." Auf diese Weise gab Er, der allein Unsterblichkeit hat, dem Menschen eine unsterbliche Seele. Außerdem segnete ihn Gott. „Mann und Weib schuf er sie. Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan, und herrschet über die Fische des Meeres und über das Gevögel des Himmels und über alles Getier, das sich auf der Erde regt." Der Mensch war also im Anfang glücklich, gesegnet und geehrt. Er wurde durch den gütigen Schöpfer in eine Stellung von Autorität und Freude gesetzt.

Doch nur zu bald sündigte und fiel der Mensch, und dann kam der Tod und das Gericht; denn „Gott trieb den Menschen aus und ließ lagern gegen Osten vom Garten Eden die Cherubim und die Flamme des kreisenden Schwertes, um den Weg zum Baume des Lebens zu bewahren." Nachdem der Mensch ausgetrieben war, bewies er unaufhörlich, dass er böse war; und anstatt sich nach den wiederholten Gerichten Gottes mit aufrichtiger Buße zu Ihm zu wenden, machte er sich Götzenbilder und verehrte das Geschöpf mehr als den Schöpfer. In diesem Zustand der Dinge berief Gott aus allem heraus einen Mann, Abraham, und sprach zu ihm: „Ich will dich segnen". Und als Abraham den? Worte Gottes glaubte, rechnete Er ihm seinen Glauben zur Gerechtigkeit zu und verhieß, dass in seinem Samen all die Böller der Erde gesegnet werden sollten. So sehen wir, dass die Gedanken Gottes stets darauf gerichtet waren, den Menschen, der mit Ihm zu tun hatte, glücklich zu machen.

Im Laufe der Zeit wurde der Same Abrahams, das Volk Israel, aus Ägypten herausgeführt, kraft des Blutes des Lammes und durch die mächtige Dazwischenkunft Gottes. So befreit von Elend und Sklaverei, wurde Israel, obgleich ein irdisches Volk, in eine nahe Beziehung zu Gott gebracht. Wieder zeigte Gott, dass es Seine Absicht war, dass der Mensch glücklich sein sollte; denn nicht nur segnete Er die Kinder Israel in einer wunderbaren Weise, sondern Er forderte sie wieder und wieder auf, sich zu freuen. „Und ihr sollt euch freuen vor Jehova, eurem Gott, ihr und eure Söhne und eure Töchter und eure Knechte und eure Mägde und der Levit, der in euern Toren ist." Und du sollst anbeten vor Jehova, deinem Gott und dich freuen all des Guten, das Jehova, dein Gott, dir gegeben hat und deinem Hause, du und der Levit und der Fremdling, der in deiner Mitte ist." Verql. 3. Mose 23, 40: 5. Mose 12, 7. 12. 18: 26, 10. 11.)

Ebenso ist es jetzt, nur in einem weit höheren und ewigen Sinne, offenbar der Wille Gottes, dass Seine Kinder glücklich sein sollten. Nicht nur hat Er uns Vergebung unserer Sünden geschenkt, sondern Er hat Seine Liebe in unsere Herzen ausgegossen durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben ist; ja, „Er hat uns gesegnet mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus Jesu." (Röm. 5, 5; Eph. 1, 3. 7.) Indem wir so in die Nähe Gottes und in eine innige Beziehung zu Ihm gebracht sind und den Heiligen Geist besitzen, können unsere Herzen in Seiner Liebe ruhen und in Seine Gedanken eingehen. Der Herr- selbst soll der Gegenstand unserer Zuneigungen und die Quelle unserer Segnungen sein. Alles, was wir besitzen und in Ewigkeit besitzen werden, ist in Seiner Person eingeschlossen. Seine persönliche Herrlichkeit, Sein unermesslicher Wert, Seine Vortrefflichkeiten und vollkommenen Schönheiten, Sein vollendetes Werk auf dem Kreuze, Seine Erhöhung, Sein Sitzen zur Rechten Gottes, bis alle Seine Feinde gelegt sind zum Schemel Seiner- Füße, Seine Wiederkunft, um uns zu sich zu nehmen — alles das soll jetzt unsere Herzen beschäftigen und sie mit unaussprechlicher Freude erfüllen. Wir haben das Vorrecht und werden wiederholt aufgefordert, uns „zu freuen in dem Herrn allezeit," ja uns „Gottes zu rühmen durch unseren Herrn Jesus Christus, durch welchen wir jetzt die Versöhnung empfangen haben."

Der Herr belehrt uns, welch eine Freude im Himmel herrscht über einen Sünder, der Buße tut. Sobald der gute Hirte sein verlorenes Schäflein gefunden hat, legt Er es mit Freuden auf Seine Schultern und trägt es heim. Und wenn Er nach Hause kommt, ruft Er die Freunde und Nachbarn zusammen und spricht zu ihnen: Freuet euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war!" Der Vater frohlockt, weil er seinen verlorenen Sohn wohl und gesund wieder erhalten hat. (Luk. 15.) Wir werden auf diese Weise unterrichtet, welch eine Freude es für den Vater und den Sohn ist, wenn der Mensch wirklich zu Gott geführt wird. Dementsprechend belehrt auch der Herr Seine Jünger, welche rein waren um des Wortes willen, das Er zu ihnen geredet hatte: „Dies habe ich euch gesagt, auf dass meine Freude in euch sei und eure Freude völlig werde". (Joh. 15, 11.) Es ist also offenbar des Herrn Wille, dass die Seinigen jetzt schon glücklich sein sollen. Die ersten Christen kannten sehr gut die gesegnete Wirklichkeit dieser Freude und dieses Glückes. Als Jesus nach Seiner Auferstehung in der Mitte Seiner trauernden Jünger erschien, welche sich aus Furcht vor den Juden hinter verschlossenen Türen versammelt hatten, zeigte Er ihnen Seine Hände und Seine Seite und sprach: „Friede euch!" und „es freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen". Am Schlusse des Evangeliums Lukas wird uns erzählt, dass Jesus Seine Jünger, als Er gen Himmel fuhr, so glücklich zurückließ, dass „sie alle Zeit im Tempel waren, Gott lobend und preisend". Und weshalb waren sie so glücklich? Weil ihre Herzen, ihr ganzer Sinn auf ihren gekreuzigten, auferstandenen und jetzt zur Rechten Gottes erhobenen Heiland gerichtet waren.

Zur Zeit des Pfingstfestes finden wir die Gläubigen zu Jerusalem in einem so glücklichen Zustande, dass von ihnen gesagt werden konnte: „Und indem sie täglich einmütig im Tempel verharrten und zu Hause das Brot brachen, nehmen sie Speise mit Frohlocken und Einfalt des Herzens, lobten Gott und hatten Gunst bei dem ganzen Volke". Als später der äthiopische Eunuch auf der einsamen Straße von Jerusalem nach Gaza durch Philippus mit dem Heil allein durch den Glauben an Christus bekannt gemacht worden war, zog er seinen Weg mit Freuden. Auch der Kerkermeister zu Philippi, der, von Furcht überwältigt, seinem Leben ein jähes Ende bereiten wollte, frohlockte, sobald er auf das Wort der treuen Diener Christi zu Ihm seine Zuflucht genommen hatte; ja, „an Gott glaubend, frohlockte er mit seinem ganzen Hause."

An einer anderen Stelle des Wortes Gottes werden wir belehrt, dass „das Reich Gottes nicht Essen und Trinken ist, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geiste;" und wir tun sicher wohl, dieses Schriftwort zu beherzigen. Paulus betete, dass die Heiligen mit aller Freude und Frieden im Glauben erfüllt sein möchten. Johannes schreibt in seiner ersten Epistel: „Und dies schreiben wir euch, ans dass eure Freude völlig sei". Petrus spricht von solchen, die, an Jesus glaubend, „mit unaussprechlicher und verherrlichter Freude frohlockten". Wie lieblich und tröstend ist es, zu wissen, dass nach dem Willen Gottes die Gläubigen jetzt schon unaussprechlich glücklich sein sollten, indem sie mit einem ungeteilten Herzen dem Herrn anhängen.

Vielleicht möchte der eine oder andere einwerfen: „Wenn du da wüsstest, womit ich in meinem Innern zu kämpfen habe, ich glaube, du würdest nicht so vertrauensvoll von dem Glück des Christen sprechen". Aber ich frage dagegen: Wer hat jemals gehört, dass das eigene Ich die Quelle wahrer Glückseligkeit ist? Im Gegenteil versichert der Apostel ausdrücklich: „In mir, das ist in meinem Fleische, wohnt nichts Gutes". Zugleich aber teilt uns das untrügliche Wort des lebendigen Gottes mit, dass unser alter Mensch mit Christus gekreuzigt ist; wir werden aufgefordert, uns der Sünde für tot zu halten, d. h. uns nicht mehr als lebend, sondern als tot, als völlig in Christus hinweggetan zu betrachten, „indem wir dieses wissen, dass unser alter Mensch mitgekreuzigt ist". Wir sind auf diese Weise durch das Gericht des Kreuzes von unserem alten Menschen befreit und aus der Stellung des ersten Adam herausgenommen worden, lind jetzt ergeht an uns, die wir den Heiligen Geist empfangen haben, die Ermahnung: „Haltet euch der Sünde für tot, Gott aber lebend in Christus Jesu". Glückselig alle diejenigen, welche sich so betrachten, wie Gott sie sieht, und sich stets bewusst sind, dass sie von Gott in Christus also gesehen werden! Nur diese haben mit dem eigenen Ich einen Abschluss gemacht.

Wieder möchten andere sagen: „Wenn meine Umstände anders wären, dann würde ich in der Tat glücklich sein;" oder: „wenn mich Gott nur von dieser oder jener Prüfung befreien wollte, so würde ich gewiss frohlocken". Doch du täuschest dich, mein lieber Leser, wenn du so denkst. Ist deine gegenwärtige Freude abhängig von deinen Umständen, so gleicht sie nur den meisten weltlichen Freuden und bedarf weder Gnade noch Glauben. Sicher ist es wahr, dass wir stets mit aller Sorgfalt unsere irdischen Geschäfte wahrnehmen und ordnen sollten, um Gott dadurch zu ehren; allein Umstände, so glücklich und glänzend sie auch sein mögen, sollen und dürfen nie die Quelle unserer Freude bilden, obwohl sie Gelegenheit zu Lob und Dank bieten mögen. Im Gegenteil genießt der Christ oft in den tiefsten Wassern irdischer Trübsal am meisten die Freude im Herrn. Es mag dies z. B. mit den in 1. Petr. 1, 8 angeredeten Gläubigen der Fall. Sie befanden sich in mancherlei Trübsalen, waren zerstreut in einem fremden Lande, ferne von der Heimat, und den heftigsten Verfolgungen und Gegenwärtigkeiten aller Art ausgesetzt. Doch wie sehr waren sie mit Freude erfüllt! Dasselbe sehen wir bei Paulus und Silas. Obwohl ihre Rücken mit Geißeln blutig geschlagen und ihre Füße in den Stock gelegt waren, füllte ihre Herzen eine solche Freude, dass sie Gott im innersten Gefängnisse ihre Loblieder sangen. Lassen wir dies nicht so leicht nehmen, mein lieber christlicher Leser! Fragen wir uns mit Aufrichtigkeit, woher es kommen mag, dass heutzutage so wenig Lob und Dank, so wenig Freude und Friede bei den Gläubigen gefunden wird!

Bevor wir diese kurze Betrachtung schließen, möchte ich noch auf drei Punkte aufmerksam machen, die uns über den vorliegenden Gegenstand belehren und in dem bereits angeführten Verse, 1. Petr. 1, 8, gesunden werden: „Welchen ihr, obgleich ihr Ihn nicht gesehen habt, liebet; an welchen glaubend, obgleich ihr Ihn jetzt nicht sehet, ihr mit unaussprechlicher und verherrlichter Freude frohlocket". Wir haben hier zunächst die Quelle der Freude des Christen, dann das Geheimnis ihrer Verwirklichung und endlich ihr Maß.

Die Quelle unseres Glückes und unserer Freude muss allein der Herr selbst sein — „an welchen glaubend, obgleich ihr Ihn jetzt nicht sehet, ihr frohlocket". Es ist der Mensch Christus Jesus in der Herrlichkeit, welchen wir jetzt durch den Glauben schauen. Alle unsere Quellen sind in Ihm. Es ist vergebliche Mühe, anderswohin zu blicken. Alle anderen Ströme vertrocknen. Er ist der Fels, welcher geschlagen wurde, und wir haben jetzt nur zu Ihm zu reden, und Er wird Sein Wasser geben. (4. Mose 20, 8.) Er allein ist die Quelle und das Brot des Lebens. Er ist vor dem Angesicht Gottes in Herrlichkeit für uns; und wir sind vollendet in Ihm, in welchem alle Fülle wohnt, der das Haupt aller Fürstentümer und Gewalten ist. Möchte es eine Tatsache sein, dass Christus - nicht Freunde oder Brüder, nicht das eigene Ich, noch die Umstände, sondern Er allein für unsere Seelen die einzige Quelle des Glückes sei; dann werden wir glücklich sein.

Der Glaube muss ich Tätigkeit sein. Es mag jemand ein wahrer Gläubiger sein, ohne dass sein Glaube in praktischer Tätigkeit und sein Herz in der Erkenntnis der göttlich geoffenbarten Wahrheit in Betreff der Person Christi glücklich ist. Wir haben es mit Ihm zu tun, den wir nicht gesehen haben, der aber in dem Worte geoffenbart ist, auf dass wir uns in der Jetztzeit Seiner freuen, indem wir nicht nach unseren armen, schwachen Gedanken Seiner gedenken, sondern so wie Gott uns Ihn in Seinem Worte vor Augen gestellt hat. Deshalb lesen wir: „An welchen glaubend, . . . . ihr frohlocket". Wir können nicht erwarten, glücklich zu sein, wenn wir mehr oder weniger mit unseren Gedanken, Gefühlen und Umständen beschäftigt sind. Allein die wahre Beschäftigung der Seele mit Ihm macht uns frei und fähig, uns über diese Dinge zu erheben.

Was schließlich das Maß unserer Freude anlangt, so sagt der Herr: „auf dass eure Freude völlig werde". Petrus spricht von einer „unaussprechlichen und verherrlichten Freude". Sich mir der unendlichen Fülle und der Vollkommenheit des Werkes und der Person Christi zu beschäftigen, ist gleich dem Tauchen in das unergründliche Meer der göttlichen Liebe. Unsere Gedanken werden gerichtet auf einen verherrlichten Christus und dringen gleichsam in die Herrlichkeit droben ein. Wir betreten den Boden der unermesslichen, ewigen und unveränderlichen Liebe und Herrlichkeit Gottes. Dank sei der freien, reichen und unverdienten Liebe Gottes, die uns durch Jesus Christus zu ewiger Herrlichkeit berufen hat! Obgleich wir jetzt noch durch den Glauben in Ihm frohlocken, kann unser Herr doch jeden Augenblick kommen und uns dort einführen. Dann wird der Glaube in Schauen verwandelt werden; wir werden Sein Antlitz sehen, werden bei Ihm, Ihm gleich und somit vollkommen glücklich sein für immer und ewiglich.

(Neues und Altes)


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