CHM- Über den Verkehr der Gläubigen untereinander und mit der Welt


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andere Schriften von C.H. Mackintosh

1. Kor. 10, 31.

Es ist immer gut, wenn ein Wort der Ermahnung von einer klaren Darstellung des Grundes begleitet ist, auf welchem es gegeben und empfangen werden soll. Das Neue Testament gibt uns eine Fülle von Ermahnungen und Warnungen; bevor dieselben jedoch an den Gläubigen gerichtet werden, zeigt es klar die Stellung, in welche derselbe gebracht worden ist. Wenn wir diese Stellung nicht verstehen und praktisch verwirklichen, können Vorschriften und Ermahnungen leicht zu Gesetzlichkeit und einem Geist der Knechtschaft führen.

Die Stellung des Gläubigen hinsichtlich feiner Rechtfertigung und Annahme bei Gott, ist, nach den Belehrungen des Neuen Testamentes, eine ganz vollkommene. Er ist „von allem gerechtfertigt", „begnadigt in dem Geliebten", „vollendet in Ihm, welcher ist das Haupt jedes Fürstentums und jeder Gewalt".

Diese Ausdrücke gebraucht der Heilige Geist, um die Stellung des Gläubigen vor Gott zu kennzeichnen, eine Stellung, welche auf das vollbrachte Werk Christi gegründet ist, und welche er sich, wie kaum gesagt zu werden braucht, in keiner Weise selbst erwerben konnte. Die Gnade Gottes hat sie ihm gegeben, das Blut Christi hat ihn dafür passend gemacht, und durch die Wirksamkeit des Heiligen Geistes hat er sie verstehen und genießen gelernt. Die Tatsache, dass er sich in dieser Stellung befindet, ist also das Resultat der vereinten Arbeit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, welches durch nichts angetastet werden kann. Diese vollkommene Stellung des Gläubigen ist völlig unabhängig von ihm selbst, und allem was in ihm ist. Alles ist aus Gott, und auf das gegründet, was Gott in sich selbst ist.

Es ist gut, wenn wir dies mischen, und einen klaren Begriff darüber haben, was wir sind und wohin wir gebracht worden; wenn wir recht ins Auge fassen, wie Gott in Gnade gegen uns gehandelt, wie Er aus uns das gemacht hat, was Er gewollt, und uns einen Platz gegeben hat nach Seinem Willen, und dies alles zu Seiner Herrlichkeit und Seinem Preise. Wir könnten denken, es sei alles zu herrlich, als dass es uns geschenkt werden könne. Aber obwohl es zu schön ist, als dass wir es selber erlangen könnten, so ist es doch nicht zu schön für Gott, es uns zu schenken. Wenn Gott gibt, so gibt Er auf eine Art, die Seiner selbst würdig ist. Die Größe und Herrlichkeit der Gabe hängt von Ihm, dem Geber, und nicht von den, Empfänger ab. Gottes Geschenk ist völlige Rechtfertigung, ein vollkommenes Heil, und zwar an Sünder. Dies geschieht auf Grund des vollkommenen Opfers Christi. Und zu welchem Zweck? „Auf dass wir fein möchten zum Preise Seiner Herrlichkeit." (Joh. 17,2; Apstg. 18, 3k); Röm. 5; Eph. 1, 6; Eph. 1, 12.)

Es geht aus diesem klar hervor, dass Warnungen, Ermahnungen oder Vorschriften in keiner Weise die Stellung des Gläubigen in Frage ziehen oder sonst wie berühren können. Im Gegenteil beweist gerade die Tatsache, daß solche Ermahnungen an uns gerichtet werden, auf das klarste Gottes gnadenvolle Anerkennung unsers Verhältnisses zu Ihm. Dem Unbekehrten bietet Er, als eine freie Gabe, das ewige Leben in Seinem Sohne Jesu Christo an. Wenn aber jemand dieses Leben empfangen hat, wiedergeboren, und auf Grund der geschehenen Erlösung eingetreten ist in ein unauflösliches Verhältnis zu Gott, dann erst werden Warnungen und Ermahnungen in Bezug auf seinen Wandel an ihn gerichtet, und unsere gegenwärtige Segnung, unsere Freude, unsere Brauchbarkeit hängt viel von einer treuen Beachtung derselben ab.

Wir sind so geneigt, zwei Dinge miteinander zu verwechseln, welche wesentlich von einander verschieden sind, nämlich unser unauflösliches, ewiges Kindesverhältnis zu Gott, und unsere gegenwärtige Verantwortlichkeit gegen Christum als Seine Diener und Zeugen. Das erstere beruht auf der Wirksamkeit des freien Willens und der Macht Gottes, wie wir in Jakobus lesen: „Nach Seinem eigenen Willen hat Er uns gezeugt durch das Wort der Wahrheit, auf dass wir eine gewisse Erstlingsfrucht Seiner Geschöpfe seien". Unsere Verantwortlichkeit dagegen ist eine Sache, welche uns täglich obliegt, und welche uns zu viel Fleiß im ernsten Erforschen des Wortes, zu viel Gebet und Warte» auf Gott auffordert. Wir komme» leider oft dieser Verantwortlichkeit gegen Christum schlecht nach, indem wir Ihn nicht in unserm Betrage» offenbaren, und praktischerweise ein schlechtes Zeugnis für Ihn sind. Wiewohl dies, Gott sei Dank, unser ewiges Verhältnis mit Ihm nicht berührt, kann cs uns doch auf traurige Weise in unserm Wachstum und in unserer Freude als Kinder Gottes hindern, ja von dem einen zu sprechen ohne dem andern nachzustreben, hieße „verführen mit eitlen Worten".

Bon diesem Gesichtspunkt aus mochten wir unser vorliegendes Thema, den Verkehr der Gläubigen untereinander und mit der Welt, besprechen. Es ist ein Gegenstand von viel größerer Wichtigkeit, als es auf den ersten Blick scheinen möchte. Ich meine mit dieser Bezeichnung nicht den Verkehr, den wir im Versammlungslokal miteinander haben, wenn wir zum Zweck der Anbetung oder Erbauung zusammenkommen, sondern unsern gewöhnliche», täglichen Verkehr untereinander, welcher, da er von viel vertraulicherem Charakter ist, auch viel mehr ernste Wachsamkeit erfordert. Denn nur gar zu leicht gelingt es dem Feind, uns zu irgendetwas zu verleiten, das dem ernsten, heiligen Betragen nicht entspricht, welches denen geziemt, die da bekennen, Glieder des Leibes Christi und Tempel des Heiligen Geistes zu sein. Es ist oft recht betrübend und demütigend, den Charakter des Verkehrs zwischen denjenigen zu beobachten, welche sich zu Grundsätzen bekennen, von denen man ganz andere praktische Resultate erwarten könnte. Oft wenn man heutzutage der Unterhaltung von Gläubigen zuhört, fühlt man sich versucht zu fragen: Ist es möglich, dass diese Leute wirklich glauben, was sie bekennen? Glauben Sie, dass Sie „mit Christo gestorben und auferweckt" sind — dass ihre Berufung eine himmlische ist — dass sie Glieder des Leibes Christi sind — dass sie nicht im Fleische, sondern im Geiste — dass sie Pilger und Fremdlinge hienieden sind, und Gottes Sohn vom Himmel erwarten? Es kann sein, dass alle diese wichtigen Grundsätze in dem Bekenntnisse enthalten sind, zu dem sie äußerlich halten, aber es ist schwer zu glauben, dass sie unter ihrem Einfluss stehen. Wie könnte ein Herz, das sich unter der Wirkung von solch wunderbaren Wahrheiten befindet, an leichtfertiger oder nichtssagender Unterhaltung teilnehmen, oder Vergnügen daran finden? Wie könnte man sich einlassen in Geschwätz über Leute und Sachen, die einen gar nichts angehen, über jede unbedeutende Kleinigkeit oder Neuigkeit des Tages? Kann der Mund von solchem überfließen, wenn das Herz von Christo erfüllt ist? Und doch hört man solche Gespräche nur zu oft von Gläubigen, wenn sie einander besuchen, sich treffen, oder einander zu Tische geladen haben.

Doch nicht nur in unserm Verkehr mit andern Gläubigen vergessen wir uns, oder vielmehr den Herrn oft, sondern auch in unserm Verkehr mit der Welt. Wie oft gehen wir nicht, wenn wir mit Unbekehrten zusammentreffen, in ihre Gedankenweise ein, und finden Gesprächsgegenstände, die wir gemeinsam besprechen können. Zuweilen wird dies beklagt und bereut, zuweilen auch verteidigt, und zwar ans Grund des missverstandenen Wortes Pauli: „Ich bin allen alles geworden". Dieser Ausspruch bedeutet doch gewiss nicht, dass er seine Zeit mit nutzlosen, weltlichen Gesprächen verlor. Er bedeutet im Gegenteil, dass der Apostel sich in Selbstverleugnung mit allen blassen von Menschen beschäftigte, auf dass er „auf alle Weise etliche errette". Sein Zweck war, Zünder zu Christo zu führen, und nicht durch das Eingehen in ihre weltlichen Gespräche sich selbst zu unterhalten.

Und betrachten wir unsern Herrn selbst, unser großes Vorbild. Wie benahm Er sich im Verkehr mit den Menschen dieser Welt? Hatte er je Gemeinschaft mit ihrer Gedankenweise, ihrem Dichten und Trachten? Niemals. Er war immer nur von einem Gegenstand erfüllt, und Zein Mund floss davon über. Er suchte stets die Gedanken der Menschen zu Gott zu leiten. Und dich, geliebter Leser, sollte auch unser Streben sein. Wann und wo irgend wir mit Menschen Zusammentreffen, sollten wir ihre Gedanken auf Christum zu leiten suchen, und wenn wir dafür keine offene Türe finden, sollten wir sicherlich dagegen Wachen, in die Bahn einzulenken, in welcher ihre Gedanken sich bewegen, und uns auf ihren Boden zu begeben. Wenn wir Geschäfte mit der Welt zu machen haben, so müssen wir es tun, aber wir sollen suchen, uns unbefleckt von ihr, ihrer Anschaunngs- und Gesprächsweise zu erhalten, gleichwie auch unser Herr nie damit Gemeinschaft hatte. Wenn wir uns in dieser Beziehung von Seinem Pfad entfernen, so laufen wir Gefahr, bald in einen niedrigen, unheiligen Zustand zu verfallen. Wir werden sein wie Salz, welches „kraftlos geworden ist", und hinfort „zu nichts mehr taugt" (Matth. 5, 13).

Ich zweifle nicht, dass sich der Mangel an tiefem, beständigem Frieden, über den so Manche klagen, auf die leichtfertigen Gewohnheiten und Gespräche zurückführen lässt, welchen sie sich hingeben; dem vielen unnötigen Zeitungslesen, und der Lektüre von sonstigen leichten Werken. Solche Dinge müssen den Heiligen Geist betrüben, und ist dies der Fall, so können wir uns nicht von Christo nähren und Ihn genießen, denn der Geist allein reicht uns durch das Wort die Dinge Christi dar.

Ich will freilich nicht sagen, dass dieser Mangel an Frieden nicht von Bielen gefühlt werde, welche sich nicht mit solchen Dingen einlassen. Aber gewiss ist, dass dieselben notwendigerweise unserer geistlichen Gesundheit viel Schaden bringen, und einen kränklichen Seelenzustand hervorrufen müssen, wodurch der Herr verunehrt wird.

Vielleicht werden Manche, welche lange an vorgerückte Belehrungen gewohnt waren, sich von solch einfachen, praktischen Grundsätzen wegwenden. Man wird sie vielleicht gesetzlich finden, und einwenden, dass man dadurch die Leute in eine Art Knechtschaft zu bringen suche, und sic mit sich selbst beschäftige. Aber ich denke, dass die am Eingang dargelegten Gesichtspunkte, die genügende Antwort auf eine solche Anklage seien. Wenn es Gesetzlichkeit ist, die Aufmerksamkeit auf Gewohnheiten und Gesprächsweise zu lenken, so finden wir diese Gesetzlichkeit auch in der Epistel an die Epheser, wo wir „albernes Geschwätz und Witzelei" unter den Dingen angeführt finden, welche „nicht unter euch genannt" werden sollen, „wie es Heiligen geziemt."(* Das griechische Wort, welches mit „Witzelei" am Besten übersetzt wird, schließt vieles in sich, was man oft nicht für ungeziemend hält. Es ist eine Vereinigung von zwei Wörtern, und bedeutet „geschickt wenden".)

Und wiederum lesen wir: „Euer Wort sei allezeit in Gnade mit Salz gewürzt." (Eph. ist 4, vergl.. 4, 29, 30; Kol. 4, 6.) Dies sind klare Aussprüche der Schrift — Aussprüche, welche wir zugleich in enger Verbindung mit den höchsten Belehrungen des Neuen Testamentes finden. Wo denselben der ihnen gebührende Einfluss auf das Gewissen nicht gestattet wird, da können auch diese hohen Wahrheiten nicht genossen werden. Ich kann mich meiner herrlichen Berufung nicht freuen, noch ihrer würdig wandeln, wenn ich meine Zunge in Bezug auf „albernes Geschwätz und Witzelei" nicht im Zaum halte.

Gewiss ist es sehr nötig, irgendwelche Heiligtuerei auf das Sorgfältigste zu vermeiden. Das Heiligtun des Fleisches ist gerade so schlecht wie seine Leichtfertigkeit. Aber wir füllten weder in das eine noch in das andere fallen; das Evangelium befähigt uns zu etwas ganz anderem. Es gibt uns, statt einer falschen, angenommenen, eine wirkliche Heiligkeit, statt Leichtfertigkeit eine heilige Fröhlichkeit. Wir brauchen nichts zu affektieren; wenn wir in Gemeinschaft mit Christo sind, uns von Ihm nähren, so tun wir ohne Anstrengung das vor Ihm Wohlgefällige, während wir nur unsere Schwachheit offenbar machen, wenn wir uns dafür austrengen müssen. Wenn ich mich nur verpflichtet fühle, über Christum zu sprechen, so wird dies zu einer wahren Knechtschaft für mich; sobald aber die Seele in Gemeinschaft mit Gott sich befindet, ist es natürlich und leicht für sie, es zu tun, denn „aus der Fülle des Herzens redet der Mund" (Matth. 1L, 34). Dean sagt von einem gewissen kleinen Insekt, dass es immer die Farbe des Blattes zeige, von welchem es sich nährt. Genauso ist es mit dem Christen, bei welchem man bald erkennen kann, wovon seine Seele sich nährt.

Es wird vielleicht jemand sagen: „Wir können doch nicht immer über Christum sprechen". Ich antworte aber, dass gerade in dem Maße, als wir durch den ungehinderten Geist geleitet sind, wir alle unsere Worte und Werke in Beziehung zu Ihm bringen, und in Seinem Namen tun werden. Wir werden, wenn wir Gottes Kinder sind, durch die ganze Ewigkeit hindurch Ihn zu unserm Gegenstand haben, warum denn nicht jetzt schon? Wir sind jetzt schon so wirklich und wahrhaftig „nicht von der Welt", wie wir es dann sein werden; aber wir verwirklichen es leider nicht, weil wir nicht im Geiste wandeln.

Es ist ganz wahr, dass inan sich mit dem Ermahnen betreffs der Gesprächsweise der Gläubigen auf ziemlich niedrigen Grund stellt; aber es ist notwendig, es zu tun. Es wäre glücklicher, sich beständig mit höheren Dingen zu beschäftigen; aber wir tun dies leider nur zu wenig, und es ist eine Gnade, dass die Heilige Schrift und der Geist Gottes sich zu uns herablassen. Die Schrift sagt uns, dass Gott uns habe „mitsitzen lassen in den himmlischen Örtern in Christo Jesu"; sie sagt uns aber auch, nicht zu stehlen. Man könnte sagen, es erniedrige den himmlischen Menschen, ihn vor dem Stehlen zu warnen; aber die Schrift findet es nötig, auch über diese Dinge zu sprechen, und das soll uns genug sein. Der Geist Gottes wusste, dass es nicht genügte, uns zu sagen, dass wir in den Himmel versetzt seien; Er musste uns auch Vorschriften geben in Bezug auf unser Betragen hier auf Erden; und unser Wandel hienieden wird zeigen, wieweit wir verstehen, dass wir einen Platz dort oben haben.

So ist man also berechtigt, aus dem Wandel des Christen aus seinem praktischen Seelenzustand vor Gott zu schließen, und ihm auf diesem Grund zu begegnen. Wenn sein Wandel leichtfertig, fleischlich, weltförmig ist, so ist es augenscheinlich, dass er seine hohe und heilige Stellung als ein Glied am Leibe Christi und Tempel des Heiligen Geistes nicht verwirklicht.

Daher möchte ich alle, welche dazu geneigt sind, sich in leichtfertiger, eitler Umgangs- und Gesprächsweise gehen zu lassen, ernst und herzlich bitten: Gebt Acht auf den Zustand eurer geistlichen Gesundheit. Solche Dinge sind wie böse Symptome einer Krankheit, welche am geistlichen Leben zehrt, und tiefeingreifende, verderbliche Wirkungen haben kann. Sehet zu, dass diese Krankheit nicht Fortschritte mache, sondern geht ohne Verzug zu unserm großen Arzte, der allein euch gesund machen kann.

Neue Blicke in die Vortrefflichkeit, Kostbarkeit und Schönheit Christi sind das Einzige, welches die Seele aus einem niedrigen Zustand wieder erheben kann. All unsere Unfruchtbarkeit, unsere Armut kommt daher, dass wir Christum haben fahren lassen. Gelobt sei Sein Name, dass Er uns nie fahren lässt, wenn auch wir Ihn vergessen, und dadurch so schwach und lau werden können, dass es zuweilen schwer ist, uns als Christen zu erkennen, außer dem Namen nach. Wir sind in unserm praktischen Lauf zurückgeblieben, und haben nicht, wie wir sollten, nach der Gemeinschaft der Leiden, des Todes und der Auferstehung Christi getrachtet. Wir freuen und getrösten uns der Resultate, welche dieselben für uns haben, aber wir scheuen uns, praktisch in dieselben ein- zutreten, und dies ist eine Hauptursache des traurigen Verfalls unter den Gläubigen im Allgemeinen, von welchem nichts uns zurückbringen kann, als ein tieferes Erfassen der Fülle Christi.


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